Verschiedenes - Berliner Katzenschutz e.V.

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Seit Anfang 2015 suchen wir verstärkt den Kontakt zu den Menschen, die ihr Leben durch ein oder auch mehrere Katzen bereichert haben. Wir bedanken uns für die Bereitschaft, über das Wohlbefinden der Schützlinge Auskunft zu geben. Auch in den wenigen Fällen, wo der Umzug in ein besseres Leben nicht ganz glatt verlief, sind wir auf viel Verständnis gestoßen. Für uns ist immer wieder erstaunlich, wie besonders als schwierig eingeschätzte Katzen schnell ihre Scheu ablegen und sich in schmusebedürftige Tiger verwandeln, sobald sie auf die richtigen Menschen treffen.
                                                                                                                                            m.k.
Am 22.12.2018 war ein denkwürdiger Tag, auch wenn ich das an jenem Samstag noch gar nicht so hatte kommen sehen. Seit ungefähr einem Monat war ich im Katzenheim des Berliner Katzenschutzverein e.V. untergekommen. Und was soll ich sagen? Ich hasste es. Über die Erlebnisse, die mir bis zum dem Zeitpunkt meiner Aufnahme widerfahren waren, habe ich im Heim nichts erzählt und möchte es auch jetzt nicht tun. Diese Zeit habe ich tief in den untersten Ebenen meiner verletzten Seele vergraben, vergangen, nicht vergessen. Fangen wir einfach damit an, dass ich erschöpft, traurig und völlig überfordert in einem Garten aufgegriffen und im Heim abgegeben worden war.
 
 
Mit den anderen Katzen verstand ich mich gar nicht. Die Mitglieder der schon etablierten Katzengruppen waren mir zu viel, zu aufdringlich, zu hektisch, zu laut. Und so zog ich mich nach der Aufnahmeprozedur, der Quarantäne und einigen vergeblichen Versuchen, in einem der Katzenzimmer einzuziehen, immer mehr in mich zurück. Ich glaube, ich habe die netten Menschen im Verein ganz schön viel Nerven gekostet, denn sie hatten alle Mühe, mich zum Fressen zu animieren oder auch nur dazu zu bringen, meine Kratzbaumhöhle wenn auch nur für kurze Zeit zu verlassen.
 
 
Irgendwann kam dann eine der Pflegerinnen zu mir und erzählte mir, dass jemand angerufen habe, der sich für mich interessiere. Ihr Name sei Mona und der Verein kenne sie schon einige Zeit. Sie hätte vor kurzem ihre Katze verloren und wäre nun auf der Suche nach einer oder zwei Katzen, die sie dringend bräuchten, weil sie im Heim nicht glücklich seien. Ich hab die Nachricht nur stumm hingenommen. Wer wollte mich schon haben mit meinem verfilzten Fell und dem mürrischen Gesichtsausdruck, den ich einfach nicht mehr loszuwerden schien? Sicher würde diese Mona kommen und die beiden frechen Kater adoptieren, die immer versuchten, mir meinen Kratzbaum streitig zu machen und gegen die ich mich nur mit Müh und Not durchsetzen konnte.
 
 
Als sie dann kam, zeigte ich mich dementsprechend auch nicht sonderlich begeistert. Es fiel mir einfach zu schwer, es war, als trage ich alle Last dieser Welt auf meinen kleinen Katzenschultern. Ich ließ mich zwar ein wenig kraulen, aber als es mir zu viel wurde, zeigte ich das auch. Wie immer ohne Krallen, ich hatte ein gutes Elternhaus und eine anständige Erziehung genossen. Aber meine Meinung darf ich ja noch sagen, oder? Und ich war mir dabei völlig darüber im Klaren, dass ich damit meine Chance auf ein neues Zuhause mit ziemlicher Gewissheit versaut hatte. Jedenfalls ging die Frau weg und ich dachte: "Das war's dann wohl." Aber oh Wunder! Mona ließ sich davon scheinbar nicht beirren. Dass sie für einige Zeit plötzlich verschwunden war, hatte einen ganz anderen Grund gehabt: Sie kam mit Papieren und zwei Tierpflegerinnen zurück, die mich aus meinem Baum raus und in einen Tragekorb rein bugsierten. Alles wehren nutzte nix, die wussten, was sie taten. Wie ich heute zugeben muss - zum Glück!  
 
 
Wir schaukelten ca. eine Stunde in einem dieser Autos herum, die Menschen so gerne nutzen, bis wir dort ankamen, was Mona mir als "Zuhause" vorstellte. Unterwegs lief "Radio Teddy" im Autoradio und Mona meinte, da ihr mein bisheriger Name Brunhilde nicht sonderlich gefiele, ich hieße von nun an Teddi. Schließlich sähe ich auch wie ein solcher aus. Na, wenn sie meinte... War mir doch egal, wie sie mich nennen wollte.
 
 
Das neue Zuhause war eine Parterrewohnung mit genügend Zimmern, um sich ... so schnell wie möglich eines davon auszusuchen und sich in die hinterste, dunkelste Ecke zu verkrümeln. Wie ich erst später feststellte, war es das Schlafzimmer und ich lag unter dem Bett, wo ich gerade so drunter passte. Mona hatte hier keine Chance, an mich ranzukommen, was genau mein Plan gewesen war. Sie würde eh bald merken, dass sie mit mir nix anfangen konnte und mich wieder zurück bringen. Oder noch schlimmer, wie damals ... Ach, ich denk lieber gar nicht dran.
 
 
Aber Mona war irgendwie anders. Stur legte sie sich aufs Bett und begann mir vorzulesen. Wie ich später erfuhr, ist sie Autorin von Fantasyromanen und sie hat mir daraus vorgelesen, was sie gerade neu geschrieben hatte. Sie braucht immer Testleserinnen, sagte sie, und da käme ich gerade recht. Ich gebe zu, ich bin drüber eingeschlafen. Aber bitte verratet ihr das nicht ... Die Bücher sind sicher spannend ohne Ende, aber ich war einfach völlig fertig und müde von dem anstrengenden Tag.
 
 
Am Abend bin ich dann doch mal rausgekrochen und zu Mona aufs Bett gesprungen, nachdem ich etwas getrunken und Pipi machen war. Die Wohnung war toll. Das Futter schmeckte mir noch nicht wieder und auch das zaghafte Kuscheln am Anfang war mir schnell zu viel. Ich zog mich wieder unters Bett zurück, nachdem ich mich überall mal genau umgesehen hatte.
 
 
Die nächsten Tage nutzte ich immer häufiger dazu, mich ab und an blicken zu lassen und fand es eigentlich auch ganz schön. Aber am 25.12. musste ich plötzlich ganz furchtbar viel Pipi machen, ohne dass etwas kam, und Durst hatte ich für zehn Tiger. Obwohl ich mich eigentlich ganz gut gefühlt hatte und sogar in den frühen Morgenstunden mit Mona gespielt hatte, packte sie mich ein und fuhr mit mir zum Tierarzt. Oh nein, dachte ich, jetzt ist es wieder vorbei. Mit Verdacht auf eine Blasenentzündung bekam ich eine Spritze, wobei mir dann auch kurz der Geduldsfaden riss. Mona trug ihre Blessur stolz wie eine Auszeichnung... Sie brachte mich wieder nach Hause zurück und ich verkroch mich erneut unterm Bett. Im Laufe des Tages wurde ich immer apathischer, das bisschen, das ich bis dahin wenigstens an Leckerlis hatte fressen mögen, wollte mir auch nicht mehr über die Lippen und schließlich bekam ich Durchfall. Ich konnte mich nicht mal mehr unterm Bett verkriechen, also blieb ich erschöpft und mit verklebtem Popo-Fell auf dem Teppich neben dem Bett liegen. In diesen Tagen erhielt ich auch meinen Zweitnamen: Teddi Rosenfell. Angelehnt an den Namen von Monas erstem Kater, der "Jimmy Kater" geheißen hatte, sollte auch ich ähnlich wie ein großer Staatsmann klingen. Auch wenn mein Fell zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht nach Rosen roch... Mir war's gleich. Ich wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.
 
 
Am 26.12. waren wir erneut beim Tierarzt. Diesmal hieß die Diagnose Verdacht auf eine Bauspeicheldrüsenentzündung, was durch den Stress der vergangenen Tage und Wochen ausgelöst worden sein konnte. Ich musste Antibiotika-Spritzen bekommen, was bedeutete, von nun alle zwei Tage zum Arzt. *seufz*
 
 
Trotz allem merkte ich langsam, dass Mona es gut mit mir meinte und wir entdeckten, dass ich es unheimlich beruhigend fand, wenn sie im Wartezimmer beim Tierarzt meine Pfötchen hielt. Ich bin sogar ein paar Mal beim Warten weggenickt und die kommenden Spritzen waren auch nicht mehr so schlimm. Ich merkte ja selbst, dass es mir zunehmend besser ging.
 
 
Ich fing endlich an zu fressen, auch wenn ich noch nicht so recht wusste, was mir schmeckt. Mona hat glaube ich den ganzen Zooladen leer gekauft, bis wir endlich etwas fanden, was ich mag. Zu Beginn war es ein billiges Futter, das ich von früher glaube ich kannte, aber Mona hat dann langsam aber sicher immer mehr "Hochwertiges", wie sie es nannte, eingeschmuggelt und mittlerweile stehe ich auf diese Futtersorte und mampfe mich besonders gern durch dunkle Fleischsorten. Selbst beim Trockenfutter haben wir etwas gefunden, mit dem wir beide einverstanden sind und mein Tisch ist immer reich gedeckt. So konnte ich mich von meinen fast untergewichtigen 3,8kg auch langsam hocharbeiten auf 4,2 kg.
 
 
Nachdem ich einen Monat lang die Wohnung erkundet und immer mehr als mein Reich annahm, wurde ich schon wieder zum Tierarzt geschleppt. Mona versprach, es sei das letzte Mal für lange Zeit, denn es sei die letzte Spritze meiner Grundimmunisierung. Ab jetzt hätten wir ein Jahr Zeit. Weiß jemand, wie lange ein Jahr ist? Ist das schon bald wieder vorbei? Ich bin da nicht so gut drin, Zeit nachzuhalten, aber ich brauche diese blöden Spritzen wirklich nicht...
 
 
Zuhause hatte Mona dann aber eine große Überraschung für mich. Sie machte die Terrassentür auf und ich durfte einfach so rausgehen. Gut, "einfach so" hab ich das nicht empfunden. Ein bisschen Angst hatte ich schon. Aber der Garten ist eingezäunt, d. h. dort ist niemand, der mir was tun konnte und ich konnte mich in aller Ruhe dort umsehen. Kurz darauf wurde mir die Katzenklappe vorgestellt, die ich bis dahin als Fenster auf meiner Augenhöhe angesehen hatte. Über ca. 4 Wochen stand sie immer offen, bis ich kapiert hatte, dass es dort rein- und raus geht, ohne dass ich Monas Hilfe beim Türe Öffnen benötigte. Dann war die Klappe zu! Was?! Ich miaute meinen Protest, doch Mona kam und zeigte mir, dass ich sie selbst öffnen könnte. Ein bisschen hab ich gebraucht, um die Technik zu kapieren, aber irgendwann hatte ich es raus. Und jetzt kann ich raus und rein, wie es mir beliebt. Herrlich!
 
 
Einmal hatten wir Besuch. Die Tür zum Gästezimmer stand morgens offen, das Zimmer war leer und alle Menschen mit ihren morgendlichen Ritualen im Bad oder Küche beschäftigt. Ein Fenster stand weit offen und ich dachte: "Oh, ein neuer Weg in meinen Garten." Es sah aus dieser Perspektive alles etwas fremd aus, aber ehe ich mir darüber Gedanken machen konnte, bog plötzlich ein Kater um die Ecke, noch nicht alt genug, um ein echter Kerl zu sein, aber schon rotzfrech! Dem habe ich erst mal gezeigt, wer hier die Katze im Haus ist. Äh, im Garten. Und auf einmal kam Mona aus der Haustür geschossen, mit Handtuch um den Kopf und im Schlafanzug. Wir erschraken beide bei diesem Anblick, der Kater floh in die eine, ich in die andere Richtung und Mona sprintete hinter mir her. Langsam dämmerte es mir, dass das hier gar nicht "mein" Garten war und ich versuchte verzweifelt, einen Ausweg aus meiner misslichen Lage zu finden. Mona rief mich, lockte mich, ging in die Hocke, tat, als wäre alles okay, aber ihr Herz! Das pochte so laut, dass ich es aus der Entfernung hören konnte! Irgendwas stimmte nicht! Ich drehte mich um, wollte über eine Mauer springen, vielleicht ging es da in meinen Garten, den ich hinter dem Zaun sehen konnte. Doch Mona rief noch einmal und ich gab mich geschlagen. Ich ging zu ihr, wachsam und vorsichtig, aber irgendwie wusste ich, ich könnte ihr vertrauen. Sie packte mich ganz fest, was ich eigentlich nicht so gerne mag, aber ich ließ es geschehen und dann zeigte sie mir auch schon das Tor, durch das ich in meinen Garten zurück huschen konnte. Ich rannte durch die Klappe, in die Wohnung und ab auf meinen fliegenden Teppich neben dem Bett, der, der mir immer dann Schutz bietet, wenn ich Angst habe. Puh! War das eine Aufregung! Und unser Besuch? Der hat sich eine Predigt von Mona anhören müssen... ich hätte gerne gegrinst, wenn wir Katzen das könnten.
 
 
Dabei war die Aufregung rund um den Besuch noch gar nicht zu Ende. Am Abend verschwand Mona mit dem Besucher in der Küche und die beiden brutschelten gemeinsam vor sich hin. Erst hatte ich noch geschlafen, aber die Küche ist ein Raum, an den ich keine guten Erinnerungen habe und so habe ich immer ein Auge auf Mona, wenn sie sich so in Gefahr begibt. Irgendwas war dann wohl auch passiert, am Herd wurde es plötzlich laut, es zischte, Mona schrie auf, der Besucher wurde hektisch und ich sah ein rotes Tuch. Ich raste zu Mona und wollte sie fauchend vom Herd wegziehen. Dabei war mir auch egal, dass ich ihr meine Krallen in die Waden jagte, sie musste da weg! Sie hat dann das Zischen und Quieken eingestellt und kam zu mir, um mich zu beruhigen, erzählte mir was von "es sei doch gar nichts Schlimmes passiert". Pah! Hätte sie erlebt, was ich erlebt habe... sie würde anders reagieren! Aber immerhin war diese Situation gerettet. ICH hatte sie gerettet! Für den Rest des Abends behielt ich sie beim Kochen ganz genau im Auge. Aber von da an hatte sie anscheinend alles im Griff. Es gibt ein paar merkwürdige Geräte, die furchtbaren Lärm veranstalten, da bin ich auch immer noch sehr skeptisch, auch wenn Mona nach wie vor behauptet, ich müsse mir keine Sorgen machen. Was weiß sie schon?
 
 
Abgesehen von den Küchenerlebnissen ist es aber mittlerweile sehr harmonisch und ruhig in unserem gemeinsamen Alltag. Mona schleppt jede Menge Spielsachen an, am liebsten mag ich diese Schaumstoff-Bällchen. Die ich - vor allem nachts - liebend gerne apportiere. Irgendwann kriegt Mona dann wohl nicht mehr mit, dass ich sie zurückbringe, jedenfalls fliegen sie dann nicht mehr in den Flur und am Morgen liegen alle 10 Bälle im Bett neben ihr. Und das selbstgemachte Fummelbrett finde ich wirklich amüsant. Vor allem lecker. Meine Leckerlis kriege ich dort und ich habe den ganzen Tag davon. Zuerst fresse ich die leichter zugänglichen Stellen leer und über den Tag verteilt plündere ich dann die komplizierteren Verstecke.
 
 
Das waren meine ersten drei Monate im neuen Zuhause bei Mona. Ich schätze, es gibt noch einiges, was wir voneinander lernen und erfahren werden in den nächsten Monaten und Jahren, aber wir sind schon jetzt ein gut eingespieltes Team und im Nachhinein bin ich wirklich glücklich, dass der Berliner Katzenschutz e.V. sich meiner damals angenommen hat. Wenn sie nicht gesehen hätten, was andere in mir nicht mehr sahen, und wenn Mona nicht bereit gewesen wäre, es drauf ankommen zu lassen, dann säße ich immer noch mit verfilztem Fell und ohne Hoffnung in meiner Kratzbaumhöhle. Danke an alle, die mir auf dem Weg ins Glücklichsein geholfen haben!
 
 
Eure Brunhilde - jetzt Teddi Rosenfell
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